Die "Vorgarten-Regel" in der Paarbeziehung

von Gerold Wehde (Kommentare: 0)

Kennen Sie diese Situation in der Paarbeziehung?

Ein Paar ist im Streit und im Laufe dieses Streits beginnt das Paar, sich gegenseitig alle möglichen Anschuldigungen an den Kopf zu werfen:

ER sagt, dass sie ja nur so oder so sei, weil sie ihn in die Enge treiben wolle.

SIE entgegnet daraufhin, dass er das ja nur sage, weil er zu feige sei, Stellung zu beziehen.

Darauf entgegnet ER, dass sie ja selbst zu feige sei, sonst würde sie ihm ja viel früher sagen, was ihr an ihm nicht passen würde und dann gäbe es diese Auseinandersetzung ja nicht.

SIE sagt dann, dass er das jetzt nur sagen würde, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen usw…

 

Ein Paar in einer solchen Konfliktsituation scheint wie zwei Güterzüge zu sein, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasen. Wenn nicht beide die Notbremse ziehen, dann knallt es am Ende heftig. Und eine wichtige Notbremse ist, dass beide aufhören, dem Partner weiterhin Motive oder Beweggründe zu unterstellen.

Der „Vorgarten“ und die "Vorgarten-Regel"

Vorgarten-RegelAls Vorgarten bezeichnen wir das, was in der Definitionshoheit des Einzelnen liegt. Nur der Einzelne kann sagen, was seine Handlungsmotive sind. Sie liegen im Inneren des Menschen verborgen. Niemand ist berechtigt – auch nicht aufgrund von beobachtbaren Handlungen – zu sagen, zu vermuten oder gar zu unterstellen, was im Inneren einer Person vor sich geht. Das kann nur jede/r für sich selbst.

Doch das Verhalten in der Paarbeziehung ist oft anders. Während der eine Partner dem anderen ungefragt irgendwelche Motive unterstellt (und so im Vorgarten des Partners herumgärtnert), neigt der andere dazu, es ihm gleich zu tun (und betritt damit ebenfalls den fremden Vorgarten). Und die Dynamik eines Teufelskreises beginnt.

Die Vorgarten-Regel verlangt von den Partnern in einer Beziehung eine neue Gesprächskultur, in der jeder Partner seine eigenen Beweggründe und die eigene Motivation selbst definiert.

Raus aus dem Teufelskreis

Diese neue Gesprächskultur ist lernbar; und führt Sie aus dem Dilemma von Anschuldigungen und Rechtfertigungen. Das sind die Grundregeln:

Fragen stellen

Stellen dem Menschen, den Sie lieben, echte Fragen. Lassen Sie ihre Vorstellungen beiseite, auch wenn Sie meinen, den anderen schon so gut zu kennen. So können Sie lernen, wieder echtes Interesse für den anderen zu entwickeln.

Auf eine echte Frage antwortet der Partner mit einer Ich-Aussage; so kann er über seine Gefühle und seine Motivation Auskunft geben. Das ist eines der besten Mittel gegen unbefugtes Betreten des Vorgartens und der erste Schritt für einen echten Austausch.

Zuhören lernen

Das Hören wird eine ganz neue Bedeutung bekommen. Die Partner lernen, nicht immer nur das zu hören, was sie schon zu kennen glauben. „Ich höre Dir zu und entdecke Dich wieder neu.“ Das schafft eine neue Beziehungsqualität.

Und das Zuhören braucht eben auch das Fragen. In der Geschichte Momo von Michael Ende heißt es: "Die Kunst des Fragens ist das Weiterfragen.“ Hören Sie zu und fragen Sie weiter bis ihr Partner das Gefühl hat, verstanden worden zu sein! Das ist der zweite Schritt für einen echten Austausch.

Zeit nehmen

Ein gutes Gespräch braucht Zeit; es kann nicht unter Zeitdruck gelingen. Sorgen Sie dafür, dass beide Partner die gleiche Zeit zum Sprechen haben. In dieser Zeit muss nicht immer etwas gesagt werden und Sie können sich und ihren Partner in der Stille fühlen.

Sorgen Sie dafür, dass sie in der vereinbarten Zeit nicht gestört werden und schaffen Sie eine entspannte Atmosphäre, damit jeder sich zeigen und zuhören kann. Das ist der dritte Schritt für einen echten Austausch.

Die schönsten Plätze

Das Innenleben eines anderen Menschen ist in gewisser Weise ein Heiligtum. Und manchmal – wenn Sie den Vorgarten des Partners respektieren – kann es gelingen, einen Moment gemeinsam an den schönsten und geheimsten Plätzen im Garten seines Partners zu verweilen.

Das wünschen wir Ihnen.

 

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